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Prof. Oswald Kollreider
- Porträt des Künstlers
Wanderer über
Kontinente
Oswald Kollreiders
Weg vom Bergbauernbub zum international anerkannten Maler war ebenso
steinig wie faszinierend. Ein Besuch bei einem großen Osttiroler
und heimatverbundenen Weltenbummler. |
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Am
Anfang war eine Schiefertafel, viel Phantasie und Ausdrucksfreude.
Die Schiefertafel gibt es nicht mehr, die Phantasie ist geblieben.
Die Ausdrucksfreude brachte, gepaart mit großem Talent
und Fleiß, in 60 Schaffensjahren eine unermessliche Fülle
an Werken: Unermesslich deshalb, weil sie in der ganzen Welt
verstreut sind, bei Privatsammlern, in Galerien, Konsulaten
und Botschaften vom Vorderen Orient bis nach Südamerika.
Kollreider bereiste die Welt als malender Künstler, blieb
aber gleichzeitig unerschütterlich heimatverbunden. In
Osttirol ist er allgegenwärtig, seine Bilder und Porträts
schmücken Hotels und Privathäuser, mit seiner Sgraffito-
und Freskokunst auf und in Kirchen, Schulen und Häusern
hat er das Land mitgestaltet. Er hat die ländliche Bevölkerung
in Sachen Kunstverständnis sensibilisiert und sie in den
fünfziger Jahren mit dem Expressionismus konfrontiert.
Auf seinen Reisen sammelte er nicht nur Motive aus fremden Kulturkreisen
und Religionen, sondern lernte auch verschiedene Kunstrichtungen
kennen, die in sein Werk einflossen: " Ich hab' natürlich
auch immer wieder experimentiert, dadurch ist es zu verschiedenen
Ausdrucksformen gekommen." Dass er ein Boeckl-Schüler
ist, "hat natürlich eine große Rolle gespielt,
maßgebend waren aber auch die Erlebnisse, die ich bei
meinen Reisen mit heimgenommen habe."
Daheim
ist er seit nunmehr 42 Jahren in Strassen, und dort im Gemeindehaus,
in einer lichtdurchfluteten schönen Stube mit Eckbank und
großem Tisch. Körperlich ist er leider seit einiger
Zeit etwas angeschlagen, kann seine Arbeitshand zwar noch gebrauchen,
aber nicht belasten: "Tempera geht nicht mehr, weil die
Farbe so zäh ist,ich zeichne und aquarellier' zwar noch,
tu mich aber schwer, weil ich kein Gefühl hab'." Er
arbeitet aber trotzdem noch jeden Tag, immerhin hat er schon
früh lernen müssen, mit Disziplin, Willenskraft und
Ausdauer körperliche Beeinträchtigungen zu überwinden.
Mit 21 Jahren kehrte er vollinvalid aus Stalingrad zurück
- "Lungensteckschuss, Schulterschuss, Armzertrümmerung,
ich verlor zwei Finger, noch dazu von der rechten Hand",
fasst er die ganze Tragik in einen knappen Satz. Damit war sein
Schicksal besiegelt, und das meint er durchaus positiv: Denn
sein erlernter Beruf, Maler und Anstreicher, kam nun nicht mehr
in Frage. |
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Jahr der Entbehrungen.
1944 machte er die Aufnahmeprüfung
an der Akademie der Bildenden Künste. Dorthin kam er über
eine Bekanntschaft vor dem Krieg, einen Wiener Ministerialrat,
"einer der ersten Gäste im Fremdenverkehrs-Heimatort
Kartitsch". Der hatte im Mesnerhaus immer wieder "auf
ein Glas Wasser oder Milch vorbeigeschaut" und gemeint:
"Das Kind müsste man studieren lassen." Das tat
der junge Oswald dann auch und holte dazu die Matura nach. Er
machte die ganze Akademie mit der linken Hand (!), denn die
rechte Hand war erst nach "x Operationen" wieder zu
gebrauchen. Gelebt habe er jämmerlich, erinnert er sich:
"Das möchte ich meinem Todfeind nicht wünschen,
ich hab in einem Dachboden über dem Russischen Postamt
gewohnt, bin um fünfe in der Früh schauen gangen,
ob in an Papierkorb was zum Essen wegg'schmiss'n war."
Auch fürs Zeichnen hat er das Papier, das die anderen wegwarfen,
ausgeglättet und verwendet. Aber man habe ihm überall
weitergeholfen und bei den Vorlesungen Rücksicht genommen,
"weil ich ja wirklich ein Krüppel gewesen bin." |
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Im
Sommer 1946 hat er im Papiergeschäft Gander in Lienz mit
Blumenbildern und Porträtstudien die erste Ausstellung,
im September verkauft er sein erstes Bild, bekommt erste Aufträge.
Anfang der Fünfziger kopierte er Albin-Egger-Lienz-Gemälde,
wurde der "dahin beste Egger-Lienz-Kopist" genannt.
Um Geld zu verdienen, ging er zwei Jahre als Grubenmaler und
Grubenschlosser - "Maler allein hätt' nicht genügt"
- ins Ruhrgebiet, bringt von dort erste Sgraffitoerfahrungen
in seine Heimat, in der "diese Manier des aus dem Putz
Herausstechens" ein Novum war. |
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Kollreiders
offene, liebenswürdige Art öffnete ihm von jeher alle
Türen, er knüpfte viele Kontakte, darunter auch zwei
besonders wichtige: Johannes Ring, ein "Kunstpapst"
im Kölner Raum, verschafft ihm viele Aufträge, und
der Iselsberger Dr. Toni Egger, der als Chefgeologe im Rahmen
der UNO weltweit Bodenuntersuchungen vornahm, macht ihn in diplomatischen
Kreisen bekannt. Mit ihm unternimmt er 1958/59 die erste große
Studienreise in die Türkei, danach folgen dann jedes Jahr
mindestens eine, später bis zu drei Studienreisen pro Jahr,
längere Aufenthalte (1968 Südamerika) oder große
Expeditionen (Hindukusch, Afrika-Asien). Die letzte Israelreise
erfolgt 1997, nach einer Bypass-Oberation fährt er noch
einmal nach Ungarn, wo er sich einen Wirbelsäulenbruch
zuzieht, danach sind keine Reisen mehr möglich: "Ich
hab' gar kein Verlangen mehr zu reisen, ich sag mir, ich hab'
das Glück gehabt, so viel herumzukommen, was andere nicht
gehabt haben." |
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Reisen
- malen, malen - reisen.
Auf dieses Stichwort hin unterbricht Oswald Kollreider seine
Erzählung und zeigt stolz eine große Landkarte, auf
der alle seine Reiserouten eingezeichnet sind, ineinander verwoben,
wie bei einem großen Netz. Genauso waren auch seine Beziehungen,
die ihm einen kontinuierlichen künstlerischen Weg ermöglichten:
Er wurde empfohlen, hatte immer Aufträge, finanzierte sich
damit die nächste Reise, auf der er wieder Eindrücke
und Aufträge sammelte: "Fleißig bin i schon
gewesen, na was i z'sammgearbeitet hab', was i z'sammgeschunden
hab'!" Mit dem Malen verdiente er sich die Reise oft schon
während des Aufenthaltes. Bei Gruppenreisen etwa hat er
tagsüber skizziert und in der Nacht gemalt: "Das war
Schwerstarbeit, g'schlafen hab i net viel, ich hätt' noch
viel mehr malen wollen, aber ich hab' die Kraft nicht g'habt,
ich hab's ja auch verpacken müssen und die Pinsel auswaschen."
Am Ende der Reise hat er viele seiner Bilder dann gleich verkauft:
"Weil sie die Orte und Landschaften miterlebt haben, hab'n
die Frauen zu ihren Männern gesagt, ´wenn ich ein
Bild krieg, brauchst du mir Weihnachten nix kaufen". |
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Mit
Liebenswürdigkeit und guten Trinkgeldern hat er sich auch
immer eine bevorzugte Behandlung gesichert, getreu seinem Motto:
" Wie du hineintuasch, so kommt es zurück, hab' i
denen immer am Anfang ein schönes Trinkgeld geben."
Und so hat man ihm in den Hotels immer Leintücher aufgebreitet,
auf die er seine Utensilien stellen konnte, und im Autobus war
immer genug Platz für sein Gepäck - das ja sehr umfassend
war mit Staffelei und Farben. Denn seit er erleben musste, dass
die chinesische Tusche, die er in Guatemala über die Botschaft
kriegte, nach einiger Zeit verblasste und er alles nachmalen
musste, nahm er lieber alles von zuhause mit. Auf die Frage,
in welchen Sprachen er sich denn verständigt hat, lacht
er: "Ich sprech Kartitscherisch und Strasserisch, habe
damit die ganze Welt bereist und bin immer gut zurechtgekommen."
Er hat den Leuten zugehört, hat sie beobachtet und Skizzen
gemacht und sie besser verstanden als manch andere, die die
Landessprache perfekt beherrschten. So hat er auch für
seinen Freund Dr. Egger in der Türkei herausgefunden, wo
"diese tanzenden Derwische" sind, etwas, was diesem
nie gelungen war: "Ich bin alle Tage in der Früh in
ein Café gegangen, und ein Arbeiter dort hat geglaubt,
ich sei ein Schriftsteller, weil ich da schreibe. Er hat mir
immer einen Kaffee Nut bestellt, und ich hab ihm zugehört,
hab kein Wort Türkisch verstanden, und der hat erzählt
und erzählt und erzählt." Eines Tages, als er
ihn schon besser kannte, fragte Kollreider nach den Derwischen,
"mit Schütteln und Deuten und mit einer Zeichnung."
Der zeigte ihm dann auch vier-, fünfmal den Weg, und als
er ihn auswendig kannte, "hab ich zu meinem Gastgeber,
dem Dr. Egger gesagt: Jetzt zeig ich dir amal, wo die
tanzenden Derwische sind.´" - Und tatsächlich,
da Egger einen Diplomatenpass hatte, durfte er auch zu den Derwischen
ins Haus. |
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Der
Porträtist.
Gemalt hat er auch im Ausland neben Landschaftsbildern und religiösen
Motiven am liebsten Menschen in ihrer Arbeits-, Glaubens- und
Lebenswelt, wie etwa einen türkischen Kupferschmied, Fischer
in Mallorca, Beduinen-Schnitter, Massai-Frauen, Indianer; betende,
ruhende, arbeitende Menschen, Akte und immer wieder Porträts:
"Auch als Porträtist bin ich viel, viel herumgekommen
und habe immer Aufträge gehabt." Als Porträtist
wurde er im diplomatischen Korps direkt weitergereicht, man
schätzte seine große Begabung, mit unverwechselbarem
psychologischem Geschick die Menschen in ihrem Wesen zu erfassen:
"Du musst dich erst einileben in den Menschen, oft hab'
ich ihnen gesagt, was sie jetzt g'rade denken, so eins worden
bin ich innerlich mit ihnen. Das war ihnen fast unheimlich."
Das Innere im Äußeren zu manifestieren gelang ihm
auch bei der 90-jährigen Laura Egger-Lienz (1966). Kollreider
ist der einzige Maler, der je Gelegenheit erhielt, sie zu porträtieren:
"Was ich immer hoch geschätzt habe, war das Alter,
das hat eine besonderer Schönheit, weil es Ausdruckskraft
hat." Seine prominentesten "Modelle" waren der
englische Schriftsteller Robert Graves ("Strich drunter",
"Die weiße Göttin") und der Patriarch der
griechisch-orthodoxen Kirche in Jerusalem, Demetrius II. Um
zu Robert Graves vorzudringen, stieg er in Palma die Mallorca
über einen Zaun, in Jerusalem zum Patriarchen vorzudringen,
war etwas schwieriger, denn Demetrius II. durften nicht einmal
berühmte griechische Künstler porträtieren. Aber
wie so oft kam der Osttiroler Künstler mit Hartnäckigkeit
und Beziehungen zum Ziel: "Über den Freund eines Freundes",
der den Leibarzt des Patriarchen mitbrachte, der sich dafür
interessierte, "was ich unten in Bethlehem, wo ich gewohnt
hab', gemalt habe", und dessen 94-jährige Mutter er
dann so gut zeichnete, dass ihm der Leibarzt dafür "jeden
Wunsch erfüllen wollte". Kollreider hatte nur einen:
den Patriarchen zu malen. "Da isch ihm der Mund so offen
geblieben, und er hat gesagt, das ist ein langer Weg, aber ich
hab' allweil wieder gebohrt." Es dauerte fast drei Monate,
in denen über das diplomatische Korps Erkundigungen eingeholt
wurden, aber dann war es soweit: Der Patriarch ließ bitten,
und vier, fünf Erzbischöfe ließen Kollreider
im großen Empfangssaal warten. Er war sehr aufgeregt,
außerdem war es so heiß, dass ihm der Schweiß
in Strömen floss: "Ich hab mir gedacht, bis er kommt,
bin ich ausgeronnen und vertrocknet", und als dann auch
noch "vor dem Thron so a Neonlampe" immer wieder blinkte,
dachte er sich: "Wenn i da malen muss, wird i verruckt."
Aber dann kam der Patriarch "und ein großes Licht
gang auf und du hast geglaubt, du bist im Paradies!" Der
Patriarch saß ihm vier Stunden und das Porträt gefiel
ihm so gut, dass Kollreider eine Auszeichnung bekam, "so
an Orden halt". Mehr aber freute ihn, dass der Patriarch
sagte, er sei stolz, dass ihn ein Österreicher gemalt hat. |
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In
den achziger Jahren brachte ihm sein Renommee auch zu Hause
eine Reihe offizieller Porträtaufträge und Ehrungen,
darunter die Verdienstmedaille des Landes Tirol und der Berufstitel
Professor: "Ich hab' an ganzen Teifl so Zeig kriegt",
lacht er, "das sind so diese Dinge, die man als junger
Mensch nicht kriegen hat können." Denn klarerweise
hat man dafür schon etwas leisten müssen: "Die
wichtigste Auszeichnung aber war für mich der Silvesterorden
vom Papst", macht Kollreider deutlich, dass er überzeugter
Katholik ist. Das Kennenlernen vieler anderer Religionen hat
ihn darin noch bestärkt: "Wenn ich geseh'n habe, wie
der Hindu oder der Balinese vor jedem Ding die Hände faltet
oder den Göttern kleine Geschenke macht, da hab' ich viel
gelernt, mit Hochschätzung". Das ist dann auch in
seine Arbeit eingeflossen, die Menschen und ihre religiösen
Riten. Er sei deswegen aber kein Heiliger, für ihn war
das immer so: "Was ich getan hab', habe ich ganz getan:
Wenn ich gebetet hab', hab' ich gebetet, wenn ich gesündigt
hab', hab' i g'sündigt ... Aber wenn ich gebetet hab, hab
ich mit Gott gesprochen, intensiv!" Das hat zur Vertiefung
mehr beigetragen als "unsere gut gemeinte und auch ausgeführte
Erziehung von Zuhause", die naturgemäß patriarchalisch
war. Denn die Kollreider sind 340 Jahre ununterbrochen bis heute
Mesner gewesen, in St. Oswald: "Als Kinder haben mir geglaubt,
die Kirche g'hört uns!" - zeigt er hinüber auf
sein Elternhaus und die Kirche, die genau gegenüber auf
der anderen Talseite am Berg oben stehen."Und dann darf
man nicht vergessen: meine schwere Verwundung, so viele Operationen,
das hat mich auch geformt, ich war ja ein Krüppel."
Auch, dass er nach dem Wirbelsäulenbruch wieder so geworden
sei, grenze an ein Wunder. Sein Neffe, ein Chirurg, sagt immer
zu ihm: "Tua ja keinen Jammerer, nicht nur, dass du querschnittgelähmt
sein könntest, du könntest bis daher (zum Kopf) eine
lebende Puppe sein." Und da sei man doch froh und wieder
zufrieden, zeigt Kollreider seine positive Einstellung, die
ihn ein ganzes Leben lang befähigte, ein hartes Schicksal
in einen guten Lebensweg umzuwandeln.
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